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Mit der ‚Schöpfung‘ Inklusion erleben – ein außergewöhnliches künstlerisches Projekt entsteht

Am Anfang war das Chaos.  Bedrohlich und unheimlich ertönen die Kadenzen der berühmten c-Moll Ouvertüre aus Haydns klanggewaltigem Oratorium ‚Die Schöpfung‘. Die 18 Akteure, die sich am Montag zur Probe in der Turnhalle auf dem Geisberg in Wiesbaden versammelt haben, sind konzentriert an ihrem Platz und warten auf die Regieanweisung von Miguel Angel Zermeño. ‚Jetzt‘! Wie in einem Wirbel entsteht plötzlich Bewegung. Alles strömt durch den Raum, jeder sucht genau seinen Pfad, um die Urgewalten der Genesis sichtbar zu machen. Und es gelingt in diesem Tanztraining: Rollifahrer und ihre Assistenten kreuzen in hohem Tempo ihre Bahnen, diagonal, kreisförmig, linear. Man hält als Probenbesucher den Atem an und ist mit den Akteuren erleichtert, dass diese Szene schon so gut klappt.

„Die Schöpfung – Gemeinsam neu erleben“ – dieser gewaltigen Herausforderung stellen sich etwa 300 Profis und Amateure, Alt und Jung, Menschen mit und ohne Behinderungen, Tänzer, Solisten und Musiker und Schüler aus der Region in einem außergewöhnlichen künstlerischen Projekt, das von der LORENZ Stiftung in Zusammenarbeit mit EVIM vor einem Jahr ins Leben gerufen wurde. Aus Haydns Oratorium wird mit Tanz und Theater eine hochwertige moderne Inszenierung. Von EVIM beteiligen sich daran Mitwirkende aus allen Einrichtungen der Behindertenhilfe. Das mutige, innovative Projekt will ein Gemeinschaftserlebnis schaffen, in dem jeder einzelne mit seinen eigenen Qualitäten und Begabungen zum Gelingen und zum Erfolg der Aufführungen im kommenden Jahr in Frankfurt am Main und Wiesbaden beitragen wird.  Alle sind gemeinsam ‚Die Schöpfung‘. Diesen Aspekt betont auch der Choreograph und Tanzpädagoge Miguel Angel Zermeño der gemeinsam mit TV Moderator und Drehbuchautor Juri Tetzlaff und unter der musikalischen Leitung von Dirigent Andreas Schulz als Macher hinter dem künstlerischen Projekt steht.  Der national und international erfolgreiche Zermeño will in diesem Projekt den Menschen in den Mittelpunkt rücken und vor allem ‚den Körper Geschichte zeigen lassen‘. Jeder ist Teil der Schöpfung und hat von Natur aus die Fähigkeit, schöpferisch tätig zu werden. Es geht um die Wahrnehmung der eigenen Physis, ‚das innere Zentrum zu finden‘ und es nach außen zu bringen: durch Atmen, Rhythmus, Koordination, Kraft und Bewegungsqualität. Jeder hat in diesem Konzept die Möglichkeit, sich und seine Talente zu entdecken und zu entfalten. Künstlerische Arbeit ist hier Prozess par excellence und Inklusion gelebte Normalität.

Faszinierend ist, was sich seit Wochen entwickelt und in den kommenden Monaten geplant ist. Das Tanztraining und die choreografische Probe der Akteure mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen vom Montag ist nur ein Mosaikbaustein einer bis ins Detail geplanten Vorbereitung auf das große Ganze. Miguel Zermeño nimmt jeden einzelnen der Akteure wahr, bespricht mit ihm den Einsatz, bei dem dieser seine Talente und Begabungen am besten entfalten kann. Er hört zu, nimmt Anregungen auf, ermutigt und begeistert. Sekundenschnell setzt er Ideen gedanklich um, integriert sie in die Choreografie, bezieht die Akteure ein. „Es ist ein Geschenk, dass wir in diesem Projekt mit Herrn Zermeño zusammenarbeiten“, sagt auch Renate Pfautsch, Geschäftsführerin der EVIM Behindertenhilfe. Sie ist zutiefst beeindruckt von der professionellen Arbeit und dem wertschätzenden Umgang des Regisseurs mit allen Mitwirkenden. Das gewaltige Projekt sei bei dem aus Mexiko stammenden Tänzer und Tanzpädagogen, der mehr als 50 Choreografien kreiert hat, darunter für Oper und Schauspiel, in den besten Händen.

Die Akteure genießen die Probe: Die Atem- und Körperübungen zu Beginn, die bildhafte Sprache, um Rhythmus, Konzentration und Koordination zu trainieren und die choreografischen Szenen zu Haydns musikalischer Klanggewalt. „Es ist ein richtig großes Projekt“, freut sich Agnes Tillmann, bühnenerfahrene Akteurin der Gruppe ZEITLOS aus dem Wohnpflegehaus. Sehr gerne komme sie zu den Proben, die ihr viel Spaß machen. An diesem Montagabend gelingt die szenische Umsetzung der Dunkelheit, des Chaos‘ und der Erfahrung von Licht durch funkelnde Sterne am Firmament. In poetischen, heiteren Bildern beschreibt Miguel Zermeño, wie dann die Lebewesen in die Schöpfung eintreten: ein Wal oder ein Oktopus, vielleicht eine Qualle oder doch besser eine ganze Quallenfamilie? Und begeistert damit die Akteure, die  hochkonzentriert dem anspruchsvollen Tanztraining gefolgt sind. „Herr Zermeño macht das richtig gut“, freut sich Agnes Tillmann schon heute auf die nächste Probe.

Das Projekt wurde initiiert und durchgeführt von der LORENZ Stiftung. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen.

Die Aufführungen finden statt am 8. Juli 2015 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und am 13. Oktober 2015 im Kurhaus Wiesbaden (Thiersch-Saal).

Mehr Infos zum Projekt, zu den Protagonisten, zur Idee, Umsetzung, Gestaltung und zu den Aufführungen und Möglichkeiten der Unterstützung unter www.gemeinsam-neu-erleben.de