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Vertrauen tanzen lernen - Mit der Schöpfung Inklusion erleben (II)

„Tanzen liegt mir im Blut“, sagt Heidrun Roblick. Sie erinnert sich an ihre Kindheit. Ihr Vater, ein begeisterter Tänzer, hatte ihr und den sieben Geschwistern erste Schrittfolgen beigebracht. Einige Jahre später konnte sie sogar im Theater auftreten. „Ich habe ein gutes Einfühlungsvermögen, es fällt mir leicht, mich nach einem bestimmten Rhythmus zu bewegen“, sagt die Klientin der Tagesstätte über sich selbst. Gestern probte sie in einer von drei Gruppen der EVIM Behindertenhilfe für das anspruchsvolle künstlerische Projekt  nach Haydns Oratorium ‚Die Schöpfung’. Die Probe findet diesmal in einem kleineren Raum als gewohnt statt. Für die Akteure mit psychischen Erkrankungen und seelischen Behinderungen, sieben Frauen und ein Mann, ist das kein Problem. 

Dafür sorgt auch Miguel Angel Zermeño, Choreograph und Tanzpädagoge, der bis zur Aufführung im Herbst kommenden Jahres 300 Amateure und Profis – Tänzer, Solisten, Musiker, Schüler und Menschen mit Beeinträchtigungen in Wiesbaden und Frankfurt in einem gemeinsamen Prozess künstlerischer Bearbeitung zusammenführt.  Er ist für die Inszenierung verantwortlich in dem Projekt der LORENZ-Stiftung in Kooperation mit EVIM. Die musikalische Leitung hat der Dirigent Andreas Schulz.  

Als Teil der Schöpfung geht es an diesem zweiten Dienstag im Dezember zunächst um die Planeten, nicht nur als kosmische Himmelskörper. „Jedem Planeten wird ein bestimmter Charakter zugeschrieben“, nimmt Zermeño die Mitwirkenden auf eine Gedankenreise mit. Venus stehe zum Beispiel für Liebe und Harmonie, Mars hingegen für Gewalt und Konflikt. Die Planeten sind in Bewegung, drehen sich auf elliptischen Bahnen, setzen Energien frei. Darin besteht in dieser Probe die choreographische Idee, mit der sich die Teilnehmer im prozesshaften künstlerischen Arbeiten auseinandersetzen. „Das Zueinander und Gegeneinander der kosmischen Bewegung erzeugt einen Spiraleffekt“, beschreibt Zermeño in bildhafter Übertragung die sehr sensitive Probe, die nicht nur schauspielerische Qualitäten abverlangt sondern auch konzentrierte Körperarbeit erfordert. Buchstäblich Schritt für Schritt reflektieren die Tänzer über die Wahrnehmung der eigenen Physis den Bezug zu sich selbst und zu ihrem Gegenüber. Atemübungen, das Dehnen und Beugen der Gliedmaßen lassen den eigenen Körper lebendig spüren. Die Bewegungen werden flüssiger, weicher, der Stand fester. Paarübungen folgen. Ganz nah stehen jeweils zwei Partner vis-à-vis, halten sich an den Händen fest, strecken die Arme ganz allmählich aus und kommen so in ein Gleichgewicht der Körper, in dem jeder nicht nur gibt, sondern teilt. Diese Übung bereitet Mühe, und es gibt spontanen Applaus für eine besonders gelungene Demonstration von zwei Akteuren. „Vertrauen muss gelernt werden so, wie ein Instrument zu spielen“, sagt Miguel Angel Zermeño einfach und unaufdringlich. Immer wieder fasziniert, wie ihm gelingt, anspruchsvoll zu proben und die Möglichkeiten jedes Einzelnen im Blick zu haben, Begabungen und Talente zu erkennen ganz im Sinn des Haydnschen Werkes, selbst Schöpfer zu sein. In der choreographischen Szene zum Abschluss in dieser Probe geht es um Poesie, Liebe und Zuneigung. Krieg und Gewalt sind noch unbekannt, als in der Schöpfung Mann und Frau sich kennenlernen. Wie behutsam und konzentriert die Akteure aufeinander zu schreiten! Kreise ziehend wie Himmels-Körper ihre Bahn, die Distanz überwindend. Kleine Passagen, abhängig davon, was jeder bereit ist zu wollen. Nähe wird fühlbar und greifbar. Bewegungen enden in der Berührung. Das ist schön, das ist auch humorvoll. Und Lachen, sagt schmunzelnd Miguel Angel Zermeño, muss man nicht spielen: Das kommt von allein. 

Für Mauricio Armenta, der gemeinsam mit Stella Monogenis als EVIM Fachpersonal die Gruppe betreut, ist es genau das, was Entwicklung bedeutet: „Die Akteure befreien sich in dem Moment, wenn die Bewegung beginnt.“ Es sei einfach ‚total schön’, den Prozess der künstlerischen Arbeit in den Proben zu erleben. 

Hintergrund

Die Schöpfung – Gemeinsam neu erleben’ ist ein Projekt der LORENZ Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM). Es will ein Miteinander und neue Verbindungen schaffen: Zwischen Profis und Amateuren, zwischen Alt und Jung, zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Alle sind gemeinsam „Die Schöpfung“. Aus Haydns Oratorium wird mit Tanz und Theater eine moderne Inszenierung. Von EVIM beteiligen sich daran Mitwirkende aus allen Einrichtungen der EVIM Behindertenhilfe.

 

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen.

 

Die Aufführungen finden statt am 8. Juli 2015 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und am 13. Oktober 2015 im Kurhaus Wiesbaden (Thiersch-Saal).



Mehr Infos zum Projekt, zu den Protagonisten, zur Idee, Umsetzung, Gestaltung und zu den Aufführungen und Möglichkeiten der Unterstützung unter www.gemeinsam-neu-erleben.de