Wir sind da, wo Menschen uns brauchen

Aktuelle Meldungen

Ohne Tiger geht es gar nicht - Mit der Schöpfung Inklusion erleben (III)

Die Probe in Hattersheim beginnt vor der Probe. Zu den Klängen von Yann Tiersens Welt der Amélie trudeln die ‚Schlocker-Tigers’ im umgeräumten kleinen Speisesaal ihrer Werkstatt ein. Lässig, fröhlich und voller Erwartung. Heimvorteil für die Tanzgruppe der Schlocker-Stiftung. Salmann Türkoglu, noch in Arbeitskluft nach der Schicht in der Hauswirtschaft, lehnt an der Wand und beginnt plötzlich eine orientalische Tanzfolge. Mit seinem „Warmtanzen“ zieht er die Blicke der Damen auf sich, Kollege André Hulverscheit pariert und aus dem Solo wird ein Duo. Die Schlocker-Tigers sind entzückt und spenden begeistert Applaus. Der Name der EVIM Tanzgruppe von Menschen mit geistigen Behinderungen ist in dieser Probe Programm, denn was wäre die Schöpfung ohne Tiger? Nicht mal halb so schön!

Den Tiger zum Leben erwecken werden später Susanne Steffler mit ihrem Freund André. ‚Ich bin der Löwe’, sagt Daniela Schade, ganz sachlich. Die beiden Frauen tanzen für die Schlocker-Tigers schon sehr lange. Das Projekt mache ihnen ‚unheimlich Spaß,. ‚Wir konzentrieren uns auch’ sagt Susanne Steffler und beschreibt diese Übungselemente bildhaft als  ‚so ähnlich wie Kung- Fu und Halb-Spanien’.  Inzwischen hat Miguel Angel Zermeño, der für die Inszenierung des anspruchsvollen Tanzprojektes zu Haydns Oratorium Die Schöpfung verantwortlich zeichnet, Laptop, Videokamera und Rekorder aufgebaut. Ihm wird es in den nächsten 120 Minuten souverän gelingen, mit 16 Akteuren hochkonzentriert und temporeich zu proben. Zur Seite stehen ihm das EVIM Team mit Kathrin Ober, Mehri Drösler und Praktikantin Diana Nestle, das diese Gruppe betreut. ‚Das Instrument der Tänzer ist ihr Körper’, begrüßt der Choreograph die Akteure. Es werde gestimmt durch die eigene Physis: Ein- und Ausatmen, Zentrieren, Dehnen. Die Fähigkeiten der Tänzer immer im Blick, ermutigt Zermeño und passt die Übungen individuell behutsam an bei denen, die Unterstützung brauchen. Andere sprudeln über vor Lebensfreude und kommen mit den Elementen fast spielend leicht zurecht.  Auch mit dem, was Susanne Steffler als eher ‚net so leicht’ beschreibt: Die ‚Gegenüber-Übung’. Ziel der Spiegelposition ist, so erklärt der Choreograph, genau zu schauen, was passiert. Er will damit für die Bewegungsqualität sensibilisieren, denn nicht die Form soll kopiert werden, sondern entscheidend ist das Wie. Stück für Stück arbeitet er mit den Akteuren der szenischen Choreographie entgegen, die mit ‚Des Schöpfers Lob‘ Teil dieser Probe ist. So, wie die Erschaffung der Tiere! Aber noch ist es nicht soweit.
Die Gesichter der Tänzer werden immer weicher, entspannter und harmonisch fließen die Bewegungen. Das Instrument, die eigene Physis, findet seinen Klang. Tempo und Rhythmus steigern sich. Stampfende Klänge zu elektronischer Musik. Die Akteure bilden unter der Führung von Miguel Zermeño eine ‚Schlange’. Aus dem Einzelnen wird jetzt das Ganze. Äußerst diszipliniert meistern sie jeden plötzlichen Richtungswechsel, jede abrupte Änderung der Schrittfolge. Die Dynamik begeistert. Applaus setzt ein, Stimmentriller tönen laut. „Die Schlocker-Tigers tanzen mit Leib und Seele“, freut sich auch Kathrin Ober, die mit ihnen seit etwa sechs Jahren trainiert. Beim anschließenden Improvisieren, dem Tanz-Posen im Kreis der anderen, wird hier jeder zum Schöpfer und frei, Lebensfreude zu tanzen. So, wie die himmlischen Heerscharen im Oratorium Gott für das Licht preisen, das den Mächten der Finsternis eine Niederlage bereitet. Der Choreograph führt die Tanzgruppe in die Inszenierung zurück, denn das Instrument, der Körper, ist jetzt bereit, Bewegungsqualität mit Inhalt und Musik im Einklang zu proben. Die Gruppen etablieren sich, finden ihre Positionen, halten und ändern sie. Die Spannkraft der trainingserfahrenen Schlocker-Tigers ist auch nach anderthalb Stunden ungebrochen. Jetzt ist der Moment gekommen: Die Choreografie für Löwe, Tiger und das edle Ross!
Der zweite Teil des klanggewaltigen Werkes feiert die Erschaffung der Tiere, ein Tongemälde mit erzählendem Bass führt die neuen Kreaturen ein. „Die Arme weit weg, als ob man über Tisch oder Treppe springt“, ruft der Choreograph in Haydns traumhafter Tonmalerei André Hulverscheid zu, der einen der Tiger tanzt. Gleichzeitig kümmert sich Miguel Zermeño um Stephanie Ronner, die ihn, ermutigt von Kathrin Ober, traurig fragt: „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Und findet mit ihr eine Lösung. Alle Prozesse im Blick zu haben, die Inszenierung voran zu bringen und zugleich jeden einzelnen Akteur wahrzunehmen, gelingt dem Choreographen überaus beeindruckend immer wieder. Schon wendet er sich dem Löwen zu, den drei Damen konzentriert und mit schauspielerischen Qualitäten zum Leben erwecken. Nicht die Form ist entscheidend, sondern das Wie: Wie bewegt sich das Tier, wie atmet es, wie ist sein Charakter. Aus diesen Erkenntnissen entsteht Bewegungsqualität, die die Aufführungen im kommenden Jahr zum Erlebnis werden lässt. Das herauszufinden, ist die Aufgabe für die Tanzgruppe bis zur nächsten Probe.

Hintergrund

Die Schöpfung – Gemeinsam neu erleben’ ist ein Projekt der LORENZ Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (EVIM). Es will ein Miteinander und neue Verbindungen schaffen: Zwischen Profis und Amateuren, zwischen Alt und Jung, zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Alle sind gemeinsam „Die Schöpfung“. Aus Haydns Oratorium wird mit Tanz und Theater eine moderne Inszenierung. Von EVIM beteiligen sich daran Mitwirkende aus allen Einrichtungen der EVIM Behindertenhilfe.
Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat die Schirmherrschaft übernommen.

Die Aufführungen finden statt am 8. Juli 2015 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und am 13. Oktober 2015 im Kurhaus Wiesbaden (Thiersch-Saal).
Mehr Infos zum Projekt, zu den Protagonisten, zur Idee, Umsetzung, Gestaltung und zu den Aufführungen und Möglichkeiten der Unterstützung unter
www.gemeinsam-neu-erleben.de