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Perspektiven für Flüchtlinge (I): Ein äußerst beliebter junger Mann

„Lassen Sie uns das Foto nicht im Speiseraum machen“, bittet Seydi J.* und lacht. „Wenn die Bewohner mich sehen, dann rufen sie mich nämlich sofort!“ Der 23-Jährige ist bei den Senioren in seinem Wohnbereich sehr beliebt. Kein Wunder: Seydi ist offen, freundlich, kompetent und motiviert. Er hat in Deutschland das gefunden, was in seinem Heimatland Persien nicht möglich schien: Ausbildung, Freunde und gute Karrierechancen. Er war bei EVIM der erste „UMA“, also „unbegleiteter minderjähriger Ausländer“, der nun seine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft erfolgreich abgeschlossen hat.

Der Vater war Schuhmacher 

Seydi J. lebte mit seinen Eltern, Großeltern und zwei älteren Geschwistern in einer iranischen Stadt. Der Vater war Schuhmacher. „Morgens ging ich zur Schule, nachmittags half ich meinem Vater“, erinnert sich J.. Es gab jedoch Unruhen. „Feuer, Schüsse, tote Menschen auf der Straße. Das war der Alltag. Wir mussten das Geschäft schließen“, sagt J.. Seine Eltern beschlossen Ende 2009, dass ihr jüngster Sohn sein Glück in Deutschland versuchen solle. Sie schickten ihn mit einer Verwandten und deren Kindern los, mit dem Ziel, zu weiteren Verwandten zu gelangen, die bereits in Deutschland lebten. Die Reise kostete Geld: Die Eltern verkauften dafür ihr Haus. Seydi und die anderen gelangten über die Türkei und das Mittelmeer nach Griechenland. Von dort ging es per Flugzeug nach Frankfurt – illegal, wie er berichtet. „Ich wurde festgenommen und von den anderen getrennt.“  

In Deutschland ging es aufwärts 

Doch danach gab es für Seydi J. nur einen Weg: Aufwärts. „Die Leute vom Jugendamt haben sich so toll um mich gekümmert. Ich hatte ja überhaupt nichts“, sagt der junge Mann, und bei der Erinnerung steigen ihm Tränen der Rührung in die Augen. Er kam in eine WG mit anderen Flüchtlingen, bekam einen Deutschkurs und ging zur Schule. Eine deutsche Freundin, die selbst in einem Seniorenheim arbeitete, brachte ihn auf die Idee, ein Praktikum dort zu machen. Seydi, der sich in seinem Heimatland bereits um den dementen Opa gekümmert hatte, gefiel die Arbeit. Er bewarb sich bei EVIM, zunächst für die einjährige, dann die dreijährige Ausbildung. Die vielen verschiedenen Praxiserfahrungen gefielen dem jungen Mann, der sehr schnell die deutsche Sprache lernte, gut.  

Gute Mentoren gefunden 

Im Katharinenstift fand er in Bastian Ringel und im Wichernstift in Birgit Menzel Mentoren. Beide sind für die Pflege in der jeweiligen Einrichtung zuständig. „Sie haben mich motiviert“, sagte Seydi, der aber auch von sich aus gerne lernt. Er habe Kumpels, „die wollen halt Geld verdienen für ein geiles Auto“, lacht der junge Mann. „Ich möchte aber lernen.“ Deswegen besucht er ab Februar 2016 das Wiesbadener Abendgymnasium, mit der Arbeitsstelle im Wichern-Stift ist man ihm entsprechend entgegengekommen, so dass er beides zeitlich schafft. Seine Pläne? „Mal sehen. Weiter lernen auf jeden Fall!“ sagt Seydi J., der sich mittlerweile selbst nicht mehr nur einfühlsam um die Bewohner kümmert, sondern auch um andere Praktikanten, die wie er ihre ersten Erfahrungen in diesem Beruf sammeln.  

Anja Baumgart-Pietsch (Text)
Lisa Farkas (Foto)