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Der Wohlfahrtsstaat wird beim Theaterfestival zu Grabe getragen

Unter dem Titel "Asyl des müden Europäers" hat das Theaterfestival Wiesbaden Biennale Projekte zusammen gestellt, die sich direkt mit dem Festivalthema „This ist not Europe“ beschäftigen. Sind die europäischen Werte erledigt, kaputt oder gar tot? Mit dieser Thematik setzt sich der niederländische Künstler Dries Verhoeven auseinander, indem er an jedem der Festivaltage eine Beerdigung (mit allem drum und dran) eben jener Werte inszeniert, die uns lieb und teuer geworden sind: wie zum Beispiel die Multikulturelle Gesellschaft, der Schutz der Privatsphäre und Mutter Erde. Am Sonntagnachmittag wurde „Der Wohlfahrtsstaat“ zu Grabe getragen, im Beisein der Familienangehörigen – darunter Klienten und Mitarbeiter von Einrichtungen der EVIM Behindertenhilfe sowie einer großen Trauergemeinde, die dem Verstorbenen zu Lebzeiten nahe stand.

Wenzel Friebe aus dem Wohnpflegehaus wartete gespannt, allerdings auch mit einem zwiespältigen Gefühlt vor dem Eingang der Anglikanischen Kirche, die die Bühne zu dieser Performance gibt. „Einerseits ist eine Beerdigung traurig, andererseits ist es hier natürlich Theater“, sagt er. Andere Klienten lassen ihrer Trauer zu Beginn des nachgestellten Gottesdienstes freien Lauf und schluchzen tief betroffen. Trost finden sie erst durch die Worte einer Mitarbeiterin. Das war kein Teil der Inszenierung, die sich in der Liturgie von A bis Z in Gebeten, Liedern zum Mitsingen und mit Orgelbegleitung an der katholischen Gottesdienstordnung orientiert. „So feierlich und so seriös wie möglich solle es zugehen“, wie es das Konzept des 40-jährigen Künstlers vorsieht, der in Kindertagen Ministrant war.

Des Verblichenen wurde gedacht. Beispielsweise in Texten von Michel Houellebecq und Gottfried Benn, letztere gelesen von einer blinden Frau, emotional verdichtend. Aber auch in Form eines Glaubens- und eines Schuldbekenntnisses, wobei es erfrischend war, dass keine „Schwarz-Weiß-Malerei“ betrieben wurde, hier die Guten – dort die Bösen, sondern auch persönliche Freiheiten und Möglichkeiten, die der Wohlfahrtsstaat vielen bietet, ironisch oder nicht, benannt wurden.

Der Gottesdienst endete mit dem Auszug der Trauergemeinde, die hinter dem von Leichenträgern transportierten Sarg bis zum Friedhof am Schillerdenkmal vor dem Hessischen Staatstheater ging. Dort wurde am 28. August der Wohlfahrtsstaat beerdigt, dessen Geburt Verhoeven auf den 31. März 1883 mit Bismarcks Sozialgesetzen in Berlin datierte. Bei einem anschließenden Leichenschmaus war dann noch Gelegenheit sich auszutauschen.

Dem Künstler geht es bei seiner Performance darum, die Frage zu stellen, ob die Werte tot oder lebendig sind. Das Happening in einem Sakralbau bietet dazu einen Rahmen, skandalisieren tut es allerdings darin nicht. Weit weg vom „Skandal“, den Verhoeven mit einigen früheren Happenings hervorrief, ist die Auseinandersetzung in Wiesbaden eine interessante, teilweise ironische und provokante, witzige und auch nachdenklich machende Inszenierung. Tobias Morillas-Alvarez aus dem Wohnpflegehaus antwortete auf die Frage, wie es ihm denn gefallen habe: „Das war bitter“ und lachte, das Gesicht verschmitzt.

Heide Künanz

Foto (EVIM): Wenzel Friebe (li.) zum Abschluss der Theater-Performance am Schillerdenkmal in Wiesbaden, bei der der Wohlfahrtsstaat zu Grabe getragen wurde.