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Auf zu neuen Ufern – nachhaltige Lebenskonzepte

Anfang Juli eröffnete die EVIM Jugendhilfe zwei Wohngruppen in einem der äußeren Vororte von Wiesbaden, in Kloppenheim. Dort hatte sich uns vor eineinhalb Jahren die Gelegenheit geboten, ein Objekt in dem ländlich geprägten Vorort zu finden, der die Möglichkeit bietet, im Grünen zu leben und gleichzeitig noch mit dem Stadtbus die City zu erreichen. Und schließlich fanden wir eine Mitarbeiterin in unseren Reihen, die sich entschlossen hatte, mit ihrer Familie gleich mit einzuziehen.  

Lange zuvor haben wir immer wieder versucht, eine Wohngruppe mit ländlichem Charakter zu entwickeln. Der Traum war, dass die jungen Menschen in die Pflege von Tieren, Garten und Streubobstwiesen mit eingebunden werden. Öffentlichkeit und Fachwelt waren gleichermaßen begeistert von der Konzeption. Die Umsetzung war allerdings viel schwieriger, als wir vermutet hatten: weniger wegen der jungen Menschen als vielmehr wegen der Auslegung, Deutung und Umsetzung des Konzepts durch die einzelnen Mitarbeiter. 

Zum Beispiel: Während es für die einen eine pädagogische Pflicht war, die jungen Menschen an der Pferdepflege zu beteiligen, war es für andere Belohnung. Oder: Während der eine Mitarbeiter den Zugang zum jungen Menschen über das Tier herstellte, erwartete der andere, dass der junge Mensch einen Zugang zum Tier findet.

Immer wieder arbeiteten wir an dem Konzept. Vor allem bei jungen Mitarbeiterinnen zündete der Gedanke, sich als Wohngruppe in einer ländlichen Region zu integrieren. Gleichzeitig waren die Befürchtungen, sich in einem kleinen überschaubaren Sozialraum zu bewegen, sehr groß. Raus aus der Marginalisierung und sich beteiligen heißt immer auch, sich aus der Anonymität zu bewegen. 

Nach allem Für und Wider, Diskutieren und Abwägen des Machbaren, Sinnvollen und Möglichen, konnte im Juni eine Mitarbeiterin mit ihrer Familie in die Wohnung nach Kloppenheim ziehen. Das war für alle eine große Freude, denn es ging auch um die Erfüllung des eigenen Lebenstraums. Der bevorstehende Umzug von 12 Jugendhilfekindern gestaltete sich nicht so problemlos. Denn er weckte bei vielen Bewohnern vor Ort zunächst Ängste und Unsicherheiten. Um eine Anmeldung in der Schule zu erwirken, mussten auch Vorurteile überwunden werden. Wir luden daher Schulleitung und Lehrerin ein, um die bestehende Wohngruppe kennenzulernen. Dieser Besuch und die gemeinsamen Gespräche empfanden alle als sehr hilfreich. 

Zur Ortsbeiratssitzung kamen etwa 60 Bürger, die um Aufklärung baten. Man fürchtete zunächst randalierende Jugendbanden. Auch hier gelang es uns, in einem konstruktiven Gedankenaustausch nicht nur Vorurteile abzubauen, sondern auch Menschen zu gewinnen, die sich für die Belange der Jugendlichen einsetzen wollen. Für uns ist dies Anlass, weitere öffentliche Veranstaltungen zu planen, um das gegenseitige Kennenlernen zu unterstützen.  

Natürlich sind wir auch ehrgeizig: denn wir wollen mehr als nur Akzeptanz. Wir glauben tatsächlich, dass wir auch gebraucht werden. Dass die Gesellschaft uns braucht. Soziale Arbeit löst und regelt soziale Probleme und verhindert, dass sie in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Hier bestimmen Werte, Visionen und Ideen das Handeln, nicht immer in der Logik der Verwertbarkeit für Mehrwert oder Wohlstand. Aber vielleicht für etwas anderes, das die Gesellschaft auch braucht, um zufrieden, gesund und glücklich zu sein. 

Wir wollen uns einbringen vor Ort – auf vielfältige Weise: Einkaufen beim Bauern, Haareschneiden beim Frisör um die Ecke. Aber auch im Garten Salat und Kräuter anbauen. Die Hühner werden in einen kleinen Stall im Garten ziehen und hoffentlich glückliche Eier legen. Kaninchen werden folgen. Die Teilnahme am örtlichen Vereinsleben ist geplant. Die unmittelbaren Nachbarn, beides Bauern, sind froh, dass wir kommen. Die Umgestaltung des Baus zur Wohneinheit für junge Menschen hat die Zustimmung von beiden gefunden. Hier finden wohl Kinder, Geflügel und Pferde eine bleibende Heimat. Ein enger regionaler Bezug in kleine und übersichtliche Lebenswelten könnte der Schlüssel zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Beteiligung sein.  

Simone Wittek, Regionalleiterin EVIM Jugendhilfe Wiesbaden