Wir sind da, wo Menschen uns brauchen

Aktuelle Meldungen

Der Turm von Basel – Oder: die Dinge könnten so oder so sein

Ulrich Meyer-Husmann zitiert zur Eröffnung der Ausstellung von Malerei und Zeichnung von Menschen mit Demenz Arno Geiger. Der Autor des Bestsellers ‚Der alte König in seinem Exil’ sei fasziniert gewesen von der bildreichen Sprache seines an Demenz erkrankten Vaters, die ihm als Schriftsteller neue Einsichten eröffnet habe. Das ließe sich 1:1 auf die Ausstellung übertragen, so der Vorsitzende des Kunstvereins Bellevue-Saal, dessen Projekt in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Wiesbaden seit gestern künstlerische Arbeiten von Menschen mit Demenz im Bellevue-Saal in Wiesbaden der Öffentlichkeit vorstellt. Der Turm von Basel, wie Edda Challa-Bähring ihr Bild nannte, sei ein wunderbares Beispiel dafür. 

Für diese außergewöhnliche Ausstellung an exponierter Stelle hat der Wiesbadener Künstler Oliver Schultz 18 Monate lang Gäste einer Betreuungsgruppe des Diakonischen Werkes für Menschen mit Demenz künstlerisch begleitet. Die meisten Arbeiten sind im Rahmen dieses Projektes entstanden, das unter dem Namen ‚Blickwechsel – Perspektiven von Kunst und Demenz’ firmiert. Doch auch Arbeiten von Malerinnen aus weiteren Kunstgruppen, die Schultz seit 13 Jahren begleitet, finden sich in der hervorragend präsentierten Schau, die durch die Robert-Bosch-Stiftung gefördert und von Aktion Demenz e.V. unterstützt wurde, wieder. Darunter aus der ‚Farbzeit’, ein Mal-Angebot in EVIM Einrichtungen wie dem Seniorenzentrum Hochheim und dem Katharinenstift in Wiesbaden. In den vergangenen Monaten entstanden Werke von eindringlicher visueller Präsenz.

Der ‚Turm von Basel’ ist eines von zahlreichen Beispielen, in denen Oliver Schultz auf das ‚künstlerische Spiel’ hinweist, das erstaunlichste Bilder aus der gemeinhin als Mangel bestimmten demenziellen Verwirrung hervorruft. Es zeigt ein Geflecht von leuchtenden Linien in Orange, Gelb-Rot und Grün. Sie bilden das Gerüst eines nach oben hin schmaler werdenden, leicht schwankenden Turms. Mit leise schelmischem Lachen, so Schultz, habe die Seniorin den Titel des Bildes genannt. Sogleich dachte der Künstler an die Legende vom Turm von Babel, um bis in den Himmel und zu Gott selbst vorzudringen. Seither ist das ehemals einheitliche Sprechen und Tun der Menschen verwirrt. Nun zeigt das Bild aber den Turm zu Basel – nicht von Babel. Ein doppeltes Spiel mit der Verwirrung, wie Schultz es nennt und zum Ausblick erhebt auf andere, nicht weniger beeindruckende und durch die Beeinträchtigungen des Alters und der Demenz höchst eigensinnige Werke. Wie zum Beispiel von Dr. Walter Petri, der expressive Bildgefüge erzeugt, die Sensibilität im Umgang mit Farbe und Form deutlich machen. Oliver Schultz erlebte Petri, der als Rollstuhlfahrer ruckartig aufstand und im Stehen malte. Lieselotte Küttner hingegen habe Schultz ‚völlig hypnotisiert’ durch ihr wunderschönes Summen, das das Malen begleitete. Mit ‚fast unerträglicher Langsamkeit’, so Schultz, habe die Seniorin Farblinien gezeichnet und Räume auf dem Papier geschaffen, die viele Betrachter magisch anziehen. Else Hartmann malte Bilder in leuchtenden Farbkontrasten, darunter jenes, das den Titel zur Ausstellung lieferte: Blitz in Zeitlupe. Arno Geiger wäre sicher genauso wie die überaus zahlreich erschienenen Ausstellungsbesucher begeistert ob der bildreichen Sprache. Das Aufblitzen von Poesie und von Humor. Dafür gibt es nicht nur in der Ausstellung viele Beispiele.

So erzählte Oliver Schultz, der seit 2013 als Doktorand an der Alpen-Adria Universität Wien über das Verhältnis von Ästhetik und Demenz forscht, eine am Vortag im Seniorenzentrum Hochheim erlebte Geschichte. Auf seine Frage an eine Malerin, ob er ihr eine Farbe zum Malen anbieten dürfe, antwortete die Seniorin – Orange. Schultz, gespannt darauf, das Bild entstehen zu sehen, fragte sie, ob sie sie verwenden möchte. Als Antwort kam ein bedächtiges ‚Jaa...’ und darauf  plötzlich verschmitzt: Ich bin ja sowieso eine alte Orange.“ Die ‚ständige Verwandlung’, fügte Schultz hinzu, ließe die Dinge so oder so erscheinen. Damit werde das Bild zum ‚Schau-Spiel’ in einem Prozess sehr intimer Gestaltung. Daher galt sein Dank besonders auch den Angehörigen, die mit ihrer Einwilligung die Bilder dem Schauen der Ausstellungsbesucher anvertraut haben. (hk)

Die Ausstellung ist bis zum 28.9. im Bellevue-Saal, Wilhelmstraße 32 zu sehen. Am 12. September beginnt um 19.30 Uhr ein Vortrag von Oliver Schultz, Initiator und Realisator des Projektes, zum Thema: ‚Blickwechsel – Kunst und Demenz’. Am 25.9. spricht Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer (Vorsitzender der Aktion Demenz e.V.) über ‚Die Soziale Seite der Demenz’. Am Sonntag, 28.9. ist um 16 Uhr Finissage zur Ausstellung.
BLITZ IN ZEITLUPE
BLICKWECHSEL – PERSPEKTIVEN VON KUNST UND DEMENZ Malerei, Zeichnung, 2014