Schritt für Schritt zurück ins Leben finden – seit 15 Jahren hilft Upstairs

Aysu* fällt es nicht leicht, über ihre Kindheit zu sprechen. Zu viel hat die erst 22-jährige Frau erlebt, die, von Anfang an auf sich allein gestellt, jahrelang Gewalt erlitten hat. Ihr Vertrauen in die Welt der Erwachsenen war zerstört. Ihr junges Leben war auf einem Tiefpunkt, als sie polizeilich aufgefallen war und ihr der Kontakt zu Upstairs vermittelt wurde. Dort hörte man ihr zu, sie fand Verständnis und konkrete Hilfe. Ganz behutsam, Schritt für Schritt, ging es von da an aufwärts.

„Wir bieten den Jugendlichen, die zu uns kommen, vor allem ein offenes Ohr“, sagt Upstairs-Mitarbeiterin Claudia Grilletta. Oft sind sie von zu Hause weggelaufen, wissen nach Gewalt und Missbrauch nicht weiter, ohne Geld, ohne Wohnraum, ohne Perspektive. Dafür ist sie Ansprechpartnerin in dem niedrigschwelligen Betreuungsangebot, das in einem bunten Wohnmobil gegenüber dem Wiesbadener Hauptbahnhof zu finden ist. Oder auch über die Hotline rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr. Junge Menschen in Not finden seit 15 Jahren hier einen Ort, über ihr Leben zu sprechen, ohne Vorbedingungen oder Vorleistungen. Die Hilfe, die sie brauchen, ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es etwas zu essen, eine Fahrkarte, sind es Wechselsocken oder ein Schlafplatz. Im Winter auch die Wärme im Bus. Fast immer ein Gespräch. „Es kommt auf den Jugendlichen selbst an, welchen Weg er bereit ist zu gehen“, sagt Grilletta aus ihrer langjährigen Erfahrung in dem Projekt. Mit 59 Nutzern wurden allein im vergangenen Jahr über 800 Gespräche geführt. Rund 1100 Mal wurde mit Kleidung, Nahrung und Fahrkarten geholfen. Hinzu kommen 465 Übernachtungen, seit jüngstem auch mit einem Zelt-Set, Schlafsack und Isomatte wegen der schwierigen Wohnraumsituation. „Ohne so engagierte Spender wäre dies kaum zu stemmen“, würdigt EVIM Vorstand Matthias Loyal die langjährige, großartige Unterstützung für Upstairs anlässlich des Jubiläums. Dafür machen sich Wiesbadener Service Clubs, Kirchengemeinden und engagierte Bürgerinnen und Bürgern stark. Denn das Projekt ist zu 100 Prozent spendenfinanziert. Jährlich werden etwa 120.000 Euro benötigt, um Jugendlichen wie Aysu zu helfen oder wie Maik, der heute 27 Jahre alt ist, einen Beruf und eine eigene Familie mit zwei Kindern hat. Er hatte damals „Stress mit der Familie“, war mit 16 auf der Straße, bevor er zu Upstairs kam. „Wenn es Upstairs nicht gegeben hätte, wüsste ich nicht, ob ich heute noch da wäre“, sagt der junge Mann. Er berichtet von Bekannten, die es nicht wie er geschafft haben, von Drogen und Alkohol loszukommen. 

Verständnis, Hilfe und Mut finden

„Unsere Bilanz nach 15 Jahren zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Simone Wittek, Bereichsleiterin der EVIM Jugendhilfe auch in dem Bewusstsein, nicht alle Probleme lösen zu können. „Es geht darum, dem Einzelnen zu helfen, dass er die Ressourcen, die es gibt, auch findet und annehmen kann.“ Es gäbe in Deutschland eine sehr gute soziale Gesetzgebung, betont sie. „Für manchen Jugendlichen sind diese Hürden aber zu hoch, sie schaffen es einfach nicht, Wege zu finden“, so Wittek. Hier knüpfe man an die Tradition von EVIM der Hilfe zur Selbsthilfe für junge Menschen in Not an, die vor über 160 Jahren zur Gründung des  Evangelischen Vereins führte. Heute ist Upstairs Teil der EVIM Jugendhilfe mit allein 18 unterschiedlichen Betreuungseinheiten in Wiesbaden. 

Aysu fand bei Upstairs „Verständnis, Hilfe und Mut“, wie sie sagte. Ein Schlafplatz in dem kleinen Upstairs-Appartement gab ihr Raum und Ruhe, mit Hilfe der Upstairs-Mitarbeiter zu sich selbst zu finden. Sie machte nicht nur einen Schulabschluss an der Abendrealschule sondern wird im nächsten Jahr, wenn alles gut läuft, das Abitur ablegen. Welche Ausbildung sie dann machen wird, weiß sie noch nicht genau. „Vielleicht etwas im Gesundheitswesen“, sagt die junge Frau, die vor kurzer Zeit selbst Mutter geworden ist. 

Damit junge Menschen in Not nicht verloren gehen, dafür braucht es neben der Fachlichkeit vor allem Kontinuität in der Arbeit, ein gutes, zuverlässiges Netzwerk mit Kooperationspartnern wie dem Jugendamt und engagierte Spender. Simone Wittek ist besonders stolz darauf, dass das in den vergangenen 15 Jahren gelungen sei. Dass diese Arbeit Früchte trägt, zeigen berührende Geschichten wie von Aysu und Maik, die ihren Weg zurück ins Leben gefunden haben.

*Name geändert 

Spendenkonto Upstairs: 

Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: DE37 5502 0500 0004 6010 00

BIC: BFSWDE33MNZ 

Foto (EVIM): Simone Wittek (li.) und Claudia Grilletta im Gespräch mit einem ehemaligen Upstairs-Jugendlichen vor dem Upstairs-Wohnmobil an den Reisinger Anlagen in Wiesbaden.