„Ich bin viel stärker, als ich es mir früher je zugetraut hätte“
Als Lara Yovo sieben Jahre alt ist, wird sie mit einer Schwester in Obhut genommen. Das bedeutet, dass das Jugendamt die Kinder kurzfristig an einem sicheren Ort unterbringt, um sie zu schützen. „Eigentlich bleibt man dort nur für ein paar Monate“, erzählt sie. „Aber meine Schwester und ich wollten und sollten zusammenbleiben.“
Ein Jahr später ist klar: Die neue Wohngruppe (WG 2) in Biebrich wird ihr Zuhause und zu einem Ort, der ihr Leben prägt - und verändert. Heute ist Lara 17 Jahre alt – und hat mehr als die Hälfte ihres Lebens hier verbracht. „Es war ein Glück, dass ich die ganze Zeit hier bleiben konnte und nicht wechseln musste“, sagt sie. „Die WG bedeutet mir ganz viel. Ich kann mir mein Leben eigentlich nicht anders vorstellen.“
Ankommen, wachsen, selbstständig werden
Was Lara hier gefunden hat, ist viel mehr als ein Dach über dem Kopf. Es ist ein Ort, an dem sie Schritt für Schritt wachsen konnte. Vom geteilten Kinderzimmer mit ihrer Schwester bis hin zum eigenen Zimmer im oberen Stockwerk – einem Bereich, in dem Jugendliche gezielt auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden.
„Hier oben sind wir schon näher dran am eigenen Leben“, sagt sie. „Man lernt, mehr Verantwortung zu übernehmen und mehr Selbstständigkeit.“ Diese Entwicklung zeigt sich heute auch in ihrem Alltag: Lara besucht die elfte Klasse einer Fachoberschule in Wiesbaden im Gesundheitsbereich und absolviert ihr Jahrespraktikum in einer Reha-Klinik. Besonders die Arbeit mit Patientinnen und Patienten hat sie geprägt.
„Am Anfang habe ich mich streng an den Fragenkatalog bei Aufnahmen gehalten“, erzählt sie. „Jetzt gelingt es mir, wirklich ins Gespräch zu kommen und die Menschen zu sehen.“ Sie spricht mit Stolz darüber, was sie bereits gelernt hat – sogar Blutabnahmen gehören inzwischen dazu. „Ich habe gemerkt, wie sehr ich mich weiterentwickelt habe.“
Stärke wächst nicht von allein
Dass Lara heute so selbstbewusst und offen wirkt, ist für sie selbst keine Selbstverständlichkeit. „Ich war früher extrem ängstlich“, sagt sie. „Ich habe mich fast gar nichts getraut – nicht mal Bus zu fahren.“
Der Weg zu mehr Sicherheit war lang – und bewusst gegangen. Besonders ein Schritt war entscheidend: „Mit 14 habe ich mich selbst für eine Therapie entschieden. Meine Ängste abzubauen war ein langer Prozess.“
Eine zentrale Rolle spielte dabei ihre Bezugsbetreuerin Nina Back. „Sie ist für mich wie eine beste Freundin“, sagt Lara. „Sie hat mich immer unterstützt – all das gemacht, was Eltern eigentlich machen. Sie war eine echte Hilfe.“ Hier zeigt sich, was Mitmenschlichkeit und Fachlichkeit konkret bedeuten: nicht nur Unterstützung anbieten, sondern junge Menschen so zu stärken, dass sie eigene Entscheidungen treffen können, damit ihr Leben gelingen kann. Ihre wichtigsten Menschen? „Das sind meine Schwestern“, sagt sie und strahlt.
Den eigenen Weg finden
Heute beschreibt Lara sich selbst als kommunikativ, reflektiert und klar in ihren Werten. Sie sagt offen ihre Meinung – auch dann, wenn es unbequem wird. „Wenn jemand diskriminierende Dinge sagt, spreche ich das an.“ Auch politisch ist sie engagiert, interessiert sich für gesellschaftliche Themen und setzt sich dafür ein, dass politische Bildung in ihrem Umfeld stattfindet. Daher findet sie auch die Partizipationswochenenden in der EVIM Jugendhilfe wichtig. Gleichzeitig spricht sie offen über ein Thema, das viele betrifft – aber selten ausgesprochen wird: das Leben in der Jugendhilfe. „Viele trauen sich nicht zu sagen, dass sie in einer Wohngruppe leben“, erklärt sie. „Da ist immer noch dieses Stigma ‚Heimkind‘.“ Aber auch bemitleidet zu werden, empfinde sie als unangenehm. Und, sie wünscht sich mehr Aufklärung an Schulen, damit beispielsweise vor der Klasse nicht nur von „Eltern“ sondern auch von „Erziehungsberechtigten“ gesprochen wird. Für Lara ist klar: Schweigen ist keine Lösung. „Es ist nichts Schlimmes, in der Jugendhilfe aufzuwachsen. Man kann ja nichts dafür. Und es gibt so viele positive Geschichten.“ Ihre eigene gehört dazu.
Neben Schule und Praktikum ist Musik ein wichtiger Teil ihres Lebens. Lara schreibt eigene Songs, nimmt Gesangsunterricht und stand bereits auf der Bühne. „Musik gibt mir Halt und Kraft“, sagt sie. Inzwischen teilt sie ihre Songs auch online – ein Schritt, zu dem sie zunächst Mut brauchte. „Ich wollte das erst nicht“, erzählt sie lachend. „Aber meine Freunde haben mich gepusht.“
Ein neuer Anfang – Schritt für Schritt
Noch lebt Lara in der Wohngruppe – ihrem Zuhause. Doch der nächste Schritt ist bereits in Sicht: der Auszug, das eigene Leben. Angst hat sie davor nicht. „Ich sehe das als Neustart“, sagt sie. „Schritt für Schritt.“ Zuerst will sie ihr Fachabitur abschließen, danach vielleicht Medien- und Kommunikationswissenschaften studieren – am liebsten in Berlin oder Köln. Wohin es genau geht, weiß sie noch nicht. Aber dass sie ihren Weg gehen wird, daran besteht kein Zweifel.
Wenn Lara heute auf ihr Leben blickt, zieht sie ein klares Fazit: „Alles, was ich erlebt habe, macht mich zu dem Menschen, der ich bin.“ Dass sie heute eine starke, reflektierte junge Frau ist, hat viele Gründe. Aber einer sticht besonders hervor: Mitmenschen, die sie begleitet, unterstützt und an sie geglaubt haben. Und genau dadurch ist etwas entstanden, das weit über den Alltag hinausgeht: Selbstvertrauen, Perspektiven – und die Fähigkeit, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Oder, wie Lara es selbst sagt: Ich bin viel stärker geworden, als ich es mir früher je zugetraut hätte.“ (hk)