Zwischen Herkunft und Zukunft – der lange Weg zu sich selbst
Der Anfang im Leben von Inayat Panah – den alle Ino nennen – war alles andere als einfach (Foto, Mitte). Als er geboren wurde, war seine Familie bereits auf der Flucht. Mit sechs Kindern kamen seine Eltern aus Afghanistan nach Pakistan, blieben dort ein Jahr und machten sich dann weiter auf den Weg Richtung Westen. Leipzig war die erste Station in Deutschland, kurz darauf Wiesbaden. Ino war zu diesem Zeitpunkt etwa ein Jahr alt und sollte noch einige Male umziehen, bevor er als Teenager eine Entscheidung traf, die sein Leben grundlegend veränderte.
Als das Zuhause kein sicherer Ort mehr war
Rückblickend war Inos Kindheit vor allem eines: traumatisch. Nicht nur wegen der Flucht und der Unsicherheit, sondern auch wegen der Konflikte innerhalb der Familie. Denn irgendwann wusste Ino, dass er schwul ist. Und dass es in seinem Zuhause keinen Platz dafür gibt. Quasi schutzlos erlebte er jahrelang Gewalt, bis er die Notbremse zog und sich als 13-Jähriger an das Jugendamt wandte. Das war kurz nach seinem Outing auf dem Wiesbadener Weinfest im Kreis seiner Geschwister und Freunde, die für ihn die wichtigsten Menschen in seinem Leben sind. Mit ein paar Sachen, die er von zu Hause mitnahm, kam er in Obhut und anschließend in eine stationäre Wohngruppe der EVIM Jugendhilfe in Klarenthal. Seine Schwester folgte ihm kurz darauf auf diesem Weg. „Es hat so viel Mut gebraucht, die eigene Mutter zu verlassen, obwohl man sie irgendwo trotzdem liebt“, erinnert er sich.
Eine Weichenstellung und die Chance, sich selbst zu finden
„Im Nachhinein betrachtet war das die beste Entscheidung in meinem Leben“, sagt er heute, mitten im Leben stehend, befreit. Zum ersten Mal war er damals mit Gleichaltrigen zusammen, die wie er an demselben Punkt standen. „Ich war nicht mehr allein!“ Er erlebte so etwas wie einen „Familienersatz“. „Ich hatte das Gefühl, von meinen Betreuer:innen Halt zu bekommen, ohne dass ich festgehalten werde. Ich wurde zum ersten Mal richtig geliebt, ohne dafür eine Rolle spielen zu müssen. Ohne wirklich was dafür zu tun. Zum ersten Mal durfte ich einfach der sein, der ich bin“, sagt der 25-Jährige heute. Und dafür sei er unendlich dankbar.
Neue Welten kennenlernen
In der damaligen WG Klarenthal - heute WG Im Wellritztal - sei für ihn der „Anker“ gelegt worden, wieder frei atmen zu können. „Ich wurde auch in meinen Hobbys unterstützt.“ Ino lernte Geige, machte Hip-Hop- und Breakdance-Kurse. Als 15-Jähriger durfte er im Rahmen eines künstlerischen Austauschprojekts China und Hongkong besuchen. Er entdeckte das Malen und das Schreiben von Texten. Wichtig für ihn war auch das Partizipationstreffen der EVIM Jugendhilfe, bei dem das Thema „Sexualität“ im Mittelpunkt stand. Dort entwickelte sich eine Freundschaft zu einer Betreuten, die für ihn bis heute bedeutsam ist. Es entstand ein gemeinsamer Freundeskreis, der ihn in seinen künstlerischen Hobbys stärkte und mit ihm große Erfolge feiern konnte. Im vergangenen Jahr stand Ino auf verschiedenen Slam-Bühnen, unter anderem im Schlachthof Wiesbaden. Im Künstlerhaus 43 gewann er den Wettbewerb der Besten in diesem Genre. In seinen Texten setzt sich Ino häufig mit Themen auseinander, die ihn persönlich geprägt haben – Rassismuserfahrungen, mentale Gesundheit und seine eigene Sexualität. Auch auf Social Media findet diese Poesie ihren Ausdruck: (@inoderdinoo). Zu alledem hat Ino seine Erzieherausbildung als Jahrgangsbester abgeschlossen und arbeitet derzeit im Campus Kinderhaus.
Der Übergang ins eigene Leben wird zur Herausforderung
Für betreute Jugendliche endet die Jugendhilfe in einem Alter, in dem Gleichaltrige oft noch viele Jahre in ihrem Zuhause leben können. Ino zog mit 19 Jahren aus seiner Wohngruppe aus und wurde durch das Außenbetreute Wohnen weiter begleitet. In der Zeit des Übergangs traten erneut schwere Depressionen auf. Er wusste, dass er so nicht weiterleben könne und sein Leben ändern müsse. „Ich brauchte dafür professionelle Unterstützung.“ Trotzdem gelang es ihm 2020, sein Abitur zu machen. „Meine damalige Wohngruppe hat mich total unterstützt. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich mein Abitur schaffe, dass ich so weit kommen kann.“ Sein Bezugsbetreuer Moritz Biesel und Esther Saul als Teamleitung (Foto) waren und sind enorm bedeutsam für seine weitere Entwicklung. Sie unterstützten ihn in seiner Entscheidung, eine Therapie zu beginnen – mitten in der Corona-Zeit. Es gelang ihm, seine traumatischen Kindheitserfahrungen aufzuarbeiten. „Ich bin dadurch zu der Person geworden, die ich sein möchte, und kann sowohl den Schmerz als auch das Schöne in meinem Leben annehmen.“
Ankommen bei sich selbst und der Blick nach vorn
Auch wenn Ino, wie er selbst sagt, als „EVIM Kind“ gerne als Erzieher im Kinderhaus arbeitet, blickt er nach vorn: Im Wintersemester möchte er ein Studium der Psychologie und Psychotherapie an der Johannes- Gutenberg-Universität in Mainz beginnen. Auch persönlich haben sich die Weichen neu gestellt. Ino lebt heute mit seinem Partner in einer guten, festen Beziehung und in einer eigenen Wohnung. Im Rückblick sagt er: „Wo ich angefangen habe und wo ich jetzt stehe, das ist schon krass“, und fügt hinzu: „Ich bin zwar eine Geschichte von vielen, aber eben auch eine, die zeigen soll, dass alles möglich ist und jeder Mensch auf seine eigene Weise die Chance hat, seinen Weg zu gehen. Vielleicht nicht perfekt, aber genau richtig so.“ (hk; Fotos: evim/tamara jung-könig)
Inayat Panah:
„Ich will nicht nur als eine traurige Geschichte gesehen werden. Ich bin so viel mehr als das.
Ja, es gab Zeiten, in denen es sich angefühlt hat, als wäre genau das alles, was von mir übrig bleibt. Aber heute sehe ich mich anders. Nicht als jemanden, dem einfach nur etwas passiert ist, sondern als jemanden, der gelernt hat, mit dem umzugehen, was war. Als jemanden, der daran gewachsen ist.
Ich habe mich meinen größten Ängsten gestellt - denen aus meiner Kindheit und auch denen, die bis heute geblieben sind. Und ich merke, wie ich Stück für Stück zu der Person werde, die ich sein möchte. Vielleicht sogar zu der Person, zu der mein jüngeres Ich heute aufschauen würde.
Ich weiß, dass das kein Endpunkt ist. Es ist ein Prozess. Aber ich weiß auch, dass noch so viel mehr in mir steckt.
Ich bin eine Geschichte von vielen. Aber eben auch eine, die zeigen kann, dass alles möglich ist. Dass man nicht dort bleiben muss, wo man herkommt. Und dass jeder Mensch auf seine eigene Weise die Chance hat, seinen Weg zu gehen. Vielleicht nicht perfekt - aber genau richtig so.“
Esther Saul und Moritz Biesel, EVIM Außenbetreutes Wohnen:
„Ino ist ein junger Careleaver, den wir, wie viele andere, ins Leben entlassen. Eine Rückkehrmöglichkeit, die man in manchen Familien vielleicht hat, besteht nicht. Das eigenständige Leben muss bewältigt und Ressourcen müssen genutzt werden. Auch wenn die Jugendhilfe als Leistungserbringer zu Ende ist, bemühen wir uns, eine dieser vielen Ressourcen zu sein und bleiben ansprechbar.“