Was aus einem Anfang wachsen kann
Vier Jahre nach der Aufnahme ukrainischer Jugendlicher zeigt der Tag der offenen Tür, wie sich die Betreuungsangebote für junge Geflüchtete am Standort der EVIM Jugendhilfe im Ludwig-Eibach-Haus weiterentwickelt haben und wie Kyrill seinen Weg in ein selbstständiges Leben gegangen ist.
Als Kyrill an diesem Nachmittag durch die Räume der Wohngruppe Sonnenberg geht, ist vieles anders als vor vier Jahren. Damals war er 16 Jahre alt und gerade aus der Ukraine nach Wiesbaden gekommen. Heute hat er seine Ausbildung abgeschlossen, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und eine eigene Wohnung. Zum Tag der offenen Tür ist er an den Standort zurückgekehrt, an dem sein neues Leben in Deutschland begann.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte sich Kyrills Leben über Nacht verändert. Als junger Leistungssportler gehörte er zu einer Gruppe Jugendlicher, die über eine Hilfsaktion des Wiesbadener Judovereins außer Landes gebracht wurde. In Kooperation mit der EVIM Jugendhilfe und dem Jugendamt fanden die jungen Menschen kurzfristig Aufnahme im Ludwig-Eibach-Haus. „Damals waren wir in der fünften Etage untergebracht“, erinnert sich Kyrill. Vieles musste innerhalb kürzester Zeit organisiert werden.
Eine, die diese ersten Tage miterlebt hat, ist Carmen Gloger. Sie arbeitet als Hauswirtschaftskraft in der Wohngruppe. An den Anruf vor vier Jahren erinnert sie sich noch genau: Eine ganze Gruppe ukrainischer Jugendlicher sollte aufgenommen werden und auch ihre Unterstützung wurde dringend gebraucht. „Wir haben praktisch alles in kürzester Zeit improvisiert, einschließlich der Verpflegung. Das war fast wie in einer Großküchen-Situation“, erzählt sie schmunzelnd. Kyrill fiel ihr schnell auf: „Er war sehr nett und konnte sogar schon etwas Deutsch.“
Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit
Was damals ad hoc begann, hat sich weiterentwickelt. Heute befinden sich im umgebauten Erd- und Untergeschoss des Ludwig-Eibach-Hauses zwei Betreuungseinheiten der EVIM Jugendhilfe. In der Wohngruppe Sonnenberg leben acht Jugendliche ab etwa 12 Jahren. Die Jugendwohngruppe Flex Sonnenberg begleitet ältere Jugendliche und junge Erwachsene stationär sowie auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Dazu gehören weitere Betreuungsplätze im Lindenhaus und in der Kleiststraße.
Wie dieser Weg gelingen kann, zeigt Kyrills Geschichte. Kurz vor dem Abitur aus seiner Heimat geflohen, schaffte er mit E-Learning und Unterstützung ukrainischer Lehrkräfte seinen Schulabschluss. Er lernte Deutsch bis zum Niveau B2 und begann eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. Inzwischen hat er sie erfolgreich abgeschlossen und arbeitet unbefristet bei einem großen Wiesbadener Arbeitgeber. Nach verschiedenen Wohnformen der EVIM Jugendhilfe lebt er heute in seiner eigenen Wohnung.
Für Regionalleiter Patrick Lahr steht dieser Weg beispielhaft für das Ziel der sozialpädagogischen Arbeit: jungen Menschen Sicherheit zu geben und gemeinsam mit ihnen tragfähige schulische, berufliche und persönliche Perspektiven zu entwickeln. Die Teams arbeiten dabei eng mit Schulen, Jugendämtern, Behörden und weiteren Netzwerkpartnern zusammen.
Ein Zuhause auf Zeit, das Entwicklung möglich macht
Beim Tag der offenen Tür präsentierten die Teams ihre vor einem Jahr bezogenen Räume. Gemeinschaftsräume, offene Küche und gemütliche Rückzugsorte prägen das junge Wohnen. Von beiden Etagen geht es hinaus in den Garten – mit Platz zum Grillen und Zusammensitzen, Johannisbeersträuchern und Kräutern, die Carmen Gloger gerne in der Küche verwendet. „Bei uns wird alles frisch zubereitet und gesund gekocht“, sagt sie.
Dass Jugendhilfe und Altenhilfe unter einem Dach arbeiten, macht den Standort zusätzlich besonders. „Gemeinsam gestalten wir ein Mehrgenerationenhaus im professionellen Kontext“, sagt Patrick Lahr. Das fördere gegenseitiges Verständnis und eröffne jungen Menschen praktische Erfahrungsräume. Einer der Betreuten absolvierte beispielsweise sein Freiwilliges Soziales Jahr im Seniorenzentrum.
Beim Tag der offenen Tür zeigte sich dieses Miteinander ganz selbstverständlich. Kooperationspartner aus dem Jugendamt, ehemalige Betreute, der EVIM Vorstand, die Geschäftsführung und Regionalleitungen der Jugendhilfe, waren unter den Gästen. Und wie so oft wurde die offene Küche zum Treffpunkt rund um das leckere Buffet, das Carmen Gloger gemeinsam mit dem Team vorbereitet hatte.
Auch Kyrill traf dort vertraute Menschen wieder. Zu einigen Jugendlichen und zum Betreuungsteam hält er bis heute Kontakt. Seine Eltern leben weiterhin im von Russland besetzten Teil der Ukraine. Umso mehr erzählt sein Weg davon, was in vier Jahren möglich werden kann, wenn ein junger Mensch seine Chancen nutzt und Menschen an seiner Seite hat, die ihn verlässlich begleiten. Patrick Lahr zieht deshalb auch für den Standort eine positive Bilanz: „Wir haben uns kontinuierlich weiterentwickelt und sind zu zwei großen Betreuungseinheiten gewachsen, die heute stationäre und ambulante Hilfen sowie Angebote zur Verselbstständigung für junge Geflüchtete verbinden.“
Kyrill braucht diese Unterstützung heute nicht mehr. Dass er trotzdem gerne zurückkommt, ist ein beredtes Zeichen, was professionelle Jugendhilfe mit Herz und Verstand bewirken kann. (hk)
Mehr Infos über die Betreuungsangebote:
Jugendwohngruppe Flex Sonnenberg