Über Schulungsprogramme der Diakonie ausgebildete EVIM-Multiplikator:innen tragen das Thema in alle Bereiche.

Hinschauen. Helfen. Handeln. EVIM stärkt Prävention und Schutz vor sexualisierter Gewalt

Wie können Menschen in sozialen Einrichtungen besser vor sexualisierter Gewalt geschützt werden? Welche Verantwortung tragen Führungskräfte? Und wie gelingt es, eine Kultur des Hinschauens und Handelns zu stärken?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die EVIM-Gesamtkonferenz in Zusammenarbeit mit der Diakonie Hessen Mitte Juni in Wiesbaden. Mehr als 80 Leitungs- und Führungskräfte aus allen Arbeitsfeldern kamen im Alten Gericht zusammen, um sich intensiv mit Prävention, Intervention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen.

 

Als großes diakonisches Sozialunternehmen in Hessen hat EVIM damit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Sensibilisierung aller Mitarbeitenden unternommen. Die Veranstaltung bildete zugleich den Auftakt für einen längerfristigen Prozess: Bereits im Vorfeld wurden in Kooperation mit der Diakonie Hessen 18 EVIM-Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet. Sie werden künftig Schulungen für alle Mitarbeitenden durchführen und das Thema dauerhaft in den Einrichtungen verankern.

„Sexualisierte Gewalt kann überall dort stattfinden, wo Menschen voneinander abhängig sind und Machtverhältnisse bestehen. Deshalb müssen wir als diakonisches Unternehmen aufmerksam sein, Verantwortung übernehmen und klare Handlungswege schaffen“, betonte EVIM-Vorstandsvorsitzender Matthias Loyal bei der Begrüßung. Die EVIM Gesamtkonferenz moderierte souverän Christopher Schmitt, EVIM Leitung Freiwilliges Engagement.

Erkenntnisse aus der ForuM-Studie

Den fachlichen Einstieg übernahm Sophia Schreiber, Referentin für Gewaltprävention der Diakonie Hessen. In ihrem Impulsvortrag stellte sie zentrale Erkenntnisse der ForuM-Studie vor. Die bundesweite Untersuchung zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie zeigt, dass Prävention, Intervention und Aufarbeitung konsequent weiterentwickelt werden müssen. Sie macht zugleich deutlich, wie wichtig eine offene Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Verantwortlichkeiten und institutionellen Risiken ist.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sexualisierte Gewalt nicht als Problem einzelner Personen betrachtet werden darf. Vielmehr braucht es eine Organisationskultur, die Grenzverletzungen erkennt, Betroffene ernst nimmt und sichere Meldewege gewährleistet. Prävention beginnt dabei nicht erst im Verdachtsfall, sondern mit einer gemeinsamen Haltung im Alltag.

Wahrnehmung schärfen

Wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen werden können, zeigte eine Sensibilisierungsübung in Kleingruppen. Die Teilnehmenden diskutierten Fallbeispiele und tauschten ihre Einschätzungen aus. Schnell wurde deutlich: Die Bewertung möglicher Grenzverletzungen hängt häufig von persönlichen Erfahrungen, Beziehungen, Rollenverständnissen und dem jeweiligen Kontext ab.

Gerade in Situationen, die nicht eindeutig erscheinen, ist besonders Aufmerksamkeit gefragt. Die Übungen machten sichtbar, wie wichtig es ist, Unsicherheiten anzusprechen, Beobachtungen zu teilen und professionelle Unterstützung einzubeziehen.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Am Nachmittag arbeiteten die Führungskräfte in vier Themenforen. Im Mittelpunkt standen die Basisschulung für Mitarbeitende, Meldewege, Intervention, Schutzkonzepte, Leitbild sowie Fragen der Haltung. Die Ergebnisse wurden anschließend in einem Gallery Walk vorgestellt, diskutiert und priorisiert.

Dabei zeigte sich, dass in den verschiedenen Geschäftsbereichen von EVIM bereits zahlreiche Konzepte und Handlungsrichtlinien vorhanden sind. Nun gilt es, diese Ansätze zusammenzuführen, weiterzuentwickeln und für alle Mitarbeitenden nutzbar zu machen.

Die Ausbildung der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bildet dafür eine wichtige Grundlage. Das von der Diakonie Hessen entwickelte Schulungsprogramm „hinschauen – helfen – handeln“ vermittelt Wissen über Dynamiken sexualisierter Gewalt, rechtliche Grundlagen, Täter:innenstrategien sowie Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Gleichzeitig fördert es die Reflexion der eigenen Haltung und die Fähigkeit, das Wissen in Schulungen weiterzugeben.

Ein Thema, das alle angeht

Am Ende der Konferenz herrschte Einigkeit über die Bedeutung des Themas. Sexualisierte Gewalt darf weder tabuisiert noch verdrängt werden. Jede Form von Gewalt verletzt Menschen und erschüttert Vertrauen. Oder, wie es mehrfach an diesem Tag formuliert wurde: „Jedes Opfer ist eines zu viel.“

Die Führungskräfte signalisierten ihre Unterstützung für die weitere Arbeit der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Gemeinsam soll auf der Grundlage des EVIM Leitbildes ein Rahmen entstehen, der Orientierung gibt, Sicherheit schafft und Betroffene schützt. Denn Prävention gelingt dort am besten, wo Menschen hinschauen, Verantwortung übernehmen und handeln. (hk)

Die EVIM-Multiplikator:innen für die Prävention sexualisierter Gewalt (alphabetische Reihenfolge): Insa Biedermann (Verein), Sabine David (Bildung), Sylvia Deiseroth (Altenhilfe), Eva Dräger (Altenhilfe), Moritz Dwinger (Bildung), Julia Eckerle (Altenhilfe), Simon Henrik Flegler (Jugendhilfe), Kathrin Fuchs-Kautzky (Teilhabe), Simone Graß (Bildung), Jeanette Herve (Bildung), Ella Jaekel-Hoffmann (Teilhabe), Franziska Kaiser (Jugendhilfe), Julian Kerber (Verein), Joan Kreft (Altenhilfe), Indre Schuch (Bildung), Thomas Schulze (Bildung), Laura Seidl (Jugendhilfe) und Edgar Slatnow (Teilhabe).