Gedenken fest im Lehrplan von Campus Klarenthal integriert – Stolpersteine auch am Bismarckring in Wiesbaden
Laut toste der Verkehr über den Bismarckring, kräftig prasselte ein Regenschauer auf das Zeltdach an dem Herbsttag im vergangenen Jahr. Die Schülerinnen und Schüler vom Campus Klarenthal und von der Mittelstufenschule Dichterviertel hörten dennoch aufmerksam zu, als Inge Naumann-Götting vom Aktiven Museum Spiegelgasse Informationen über das Leben der drei Menschen vorliest, deren letzter frei gewählter Wohnsitz im Bismarckring 6 war.
Ihre Namen waren Recha Rosenkranz, Bruno Rosenkranz und Fanny Blutstein. Für sie wurden Anfang September drei Stolpersteine in den Bürgersteig vor dem Haus gesetzt. Routiniert haben die beiden Mitarbeiter des Tiefbauamts Wiesbaden die drei goldglänzenden Quader aus der Werkstatt des Kölner Künstlers Gunter Demnig ins Pflaster eingefügt, die der Initiator der Stolpersteinaktion persönlich an diesem Tag mit verlegt hat. „Das war für uns alle ein bewegender Moment“, sagte Signe Ross, Lehrerin am Campus Klarenthal. Es sind drei von insgesamt 23 Steinen, die bei der diesjährigen Aktion verlegt wurden. Nun liegen, erklärt Elisabeth Lutz-Kopp vom Aktiven Museum Spiegelgasse, 807 Stolpersteine vor 437 Wiesbadener Häusern. Und die Liste ist noch immer lang. Ein Stolperstein kostet 120 Euro, manche werden von Paten gesponsert – das können Vereine, Ortsbeiräte, Hausbesitzer, Angehörige sein – oder, wie im Falle der Familie Rosenkranz, zwei Schulklassen. Campus Klarenthal mit Lehrerin Signe Roß ist langjähriger Partner des Aktiven Museums, hier gehört das Gedenken fest in den Lehrplan. Signe Roß hat nun auch die Mittelstufenschule auf deren Wunsch in dieser Thematik beraten, auch hier soll dem Gedenken künftig mehr Raum gegeben werden. Und so war zum ersten Mal eine Klasse dieser Schule zugegen. Die Schülerinnen und Schüler legten, nachdem die Lebensläufe der Familie verlesen worden waren, weiße Rosen nieder. Für Signe Ross ist diese gemeinsame Aktion etwas ganz Besonderes. "Wir freuen uns, dass dieser gelungene Auftakt seine Fortsetzung finden wird und die aktive Auseinandersetzung mit dem Holocaust unterstützt”, würdigt Signe Ross die neu gewonnene Kooperation.
Aktiv in Erinnerung halten
Recha Rosenkranz wurde 1877 bei Darmstadt geboren und heiratete einen Wiesbadener. Am Blücherplatz 3 führten sie ein Möbelgeschäft. Der Ehemann starb 1929, Recha und der Sohn Bruno, geb. 1905, führten das Geschäft weiter. Unter der Naziherrschaft musste es aufgegeben werden. Ab 1940 lebten die beiden von der jüdischen Wohlfahrt. 1938 hatte Bruno die 27jährige Fanny Blutstein, eine Schneiderin aus Dortmund, nach jüdischem Ritus geheiratet. Tags darauf wurde sie mit ihrer Familie, mit Eltern und sechs Geschwistern, nach Polen abgeschoben, so dass die standesamtliche Trauung nicht mehr stattfinden konnte. Der jungen Frau gelang in Stendhal die Flucht und sie kehrte nach Wiesbaden zurück, dort wohnten Recha und Bruno am Bismarckring 6. Die für eine Trauung nötigen Dokumente konnten Bruno und Fanny nicht beschaffen. Sie mussten in ein so genanntes „Judenhaus“, die Rheingaustraße 5, heute Marcobrunner Straße, ziehen. 1941 wurden Fanny, Bruno und Recha nach Polen deportiert und im gleichen Jahr ermordet. Die restliche Familie Fannys hatte die Flucht nach Palästina geschafft.
Die Mitglieder des Aktiven Museums recherchieren diese Lebensgeschichten und halten sie auf den Erinnerungsblättern fest, von denen jeden Monat eines im Gedenkraum das Wiesbadener Rathauses vorgestellt wird. Unter https://www.am-spiegelgasse.de können sie auch im Internet angeschaut werden. Außerdem gibt es in der Spiegelgasse eine Ausstellung zum Thema Stolpersteine und Erinnerungsblätter. (aja)