Ein Ort für das Miteinander: Wo Inklusion ein Zuhause findet

Ein warmer Frühlingstag, strahlend blauer Himmel und viele glückliche Gesichter: Die Einweihung des neuen inklusiven Doppelprojekts an der Dürerstraße heute in Hattersheim war weit mehr als ein offizieller Termin. Schon beim Ankommen wurde spürbar, dass hier etwas Besonderes und Einzigartiges für die Region entstanden ist. Nach rund zweijähriger Bauzeit hat EVIM ein Haus eröffnet, das unterschiedlichste Menschen zusammenbringt: Kinder, Bewohnerinnen und Bewohner mit Beeinträchtigungen, Mitarbeitende und Familien – sie alle füllen diesen Ort nun mit Leben.

„Ein großes, gelungenes Gebäude – dessen wahre Werte, wie so oft, im Inneren liegen“, sagte Jörg Wiegand, Kaufmännischer Vorstand von EVIM, zur Begrüßung. Kurz zuvor waren die letzten Bewohnerinnen und Bewohner aus den Altbauten der benachbarten Wohnanlage in den großzügigen Neubau mit Blick auf das weitläufige Außengelände eingezogen. Stellvertretend für alle am Bau Beteiligten dankte er dem Architekten und Bauleiter Jochen Dreibholz dafür, dass Planung und Umsetzung nicht nur gelungen seien, sondern auch im Kostenrahmen geblieben sind. Auf 3.540 Quadratmetern vereint der Neubau eine Kindertagesstätte und eine Wohneinrichtung für 30 Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Was auf dem Papier bis ins Detail durchdacht war, wurde an diesem Tag lebendig: ein offener, bewegter und einladender Ort der Begegnung.

Lernen und Leben unter einem Dach

Die Kita im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss bietet Platz für bis zu 120 Kinder im Krippen- und Elementarbereich. Sie ist aus einer Übergangslösung in Containern hervorgegangen und verfügt nun über Räume, die den Alltag der Kinder spürbar verändern. So wird beispielsweise in altersgemischten Gruppen gemeinsam zu Mittag gegessen, wobei die Älteren die Jüngeren unterstützen – ein Miteinander, das sich ganz selbstverständlich entwickelt. Beim Festakt sangen die Kinder ein Lied, ihre Wunschbilder für das neue Haus schmückten eine Pinnwand. Kita-Leiter Jeremias Köhler erläuterte diese mit einem Augenzwinkern: Ganz oben auf der Wunschliste steht „eine Rutsche, die vom Obergeschoss direkt in den Garten führt“. Solche Details zeigen, wie unbefangen die Kinder das Haus bereits angenommen haben. In einem Raum gestalteten Erzieherinnen und Eltern gemeinsam die Wände des Ruheraums mit blau-weißen Wolken – ein weiteres Zeichen für das lebendige Miteinander, das diesen Ort prägt.

Auch für die 30 Bewohnerinnen und Bewohner beginnt hier ein neues Kapitel. Unterschiedlich konzipierte Wohngemeinschaften sowie individuelle Einzelapartments, die bei Bedarf zu Zweipersonenwohnungen umgebaut werden können, ermöglichen ein Leben, das sich an persönlichen Bedürfnissen orientiert. Einige von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in Einrichtungen von EVIM. Einer der ersten Bewohner brachte seine Freude schlicht auf den Punkt: „Ich habe jetzt Dusche, Klo und ein Zimmer – das gefällt mir sehr gut.“

Eine Bewohnerin, die erst am Vortag eingezogen war, schilderte offen ihre ersten Eindrücke: „Es ist noch ein bisschen ungewohnt – aber wir kriegen das schon hin.“ Dann fügte sie hinzu: „Danke für den Neubau!“ Ein Satz, der lange nachhallte.

Gemeinsam stark für Inklusion

Dass dieses Haus entstehen konnte, ist das Ergebnis enger Zusammenarbeit. Bürgermeister Klaus Schindling bezeichnete die „freundschaftliche Partnerschaft“ mit EVIM als etwas Besonderes. Mit Blick auf das sonnige Wetter bemerkte er schmunzelnd: „Wenn Engel reisen …“ – und ergänzte, dass Licht und Sonne an diesem Tag sichtbar machten, „was wir gemeinsam tun“. Vor allem aber betonte er: „Inklusion, Prävention und Toleranz werden hier mit Leben gefüllt.“

Auch der Landeswohlfahrtsverband Hessen hob die gemeinsame Entwicklung hervor. Andree Michel und Jana Beucher beschrieben den Weg als einen Prozess, in dem Ideen wachsen konnten: „Da ist etwas richtig Gutes entstanden – im Mittelpunkt steht immer der Mensch.“ Mit Blick nach vorn formulierten sie den Wunsch: „Möge nun viel Leben und Lachen einziehen.“

Für die Geschäftsführung der EVIM gGmbH ist das Haus ein sichtbares Zeichen dafür, dass unterschiedliche Arbeitsbereiche zusammenfinden. Holger Thewalt und Carlos Müller stellten die Eröffnung unter das Leitmotiv „Gemeinsam Eins“. Thewalt betonte: „Der Neubau ermöglicht ein offenes, gelingendes Miteinander von Wachstum und Entwicklung.“ Für die Bewohner bedeute er „ein warmherziges Zuhause“, für die Mitarbeitenden „einen modernen, sinnstiftenden Arbeitsplatz“. Carlos Müller lenkte den Blick auf die grundlegende Idee des Projekts: Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenzubringen. „Es braucht Zeit, Vertrauen zu schaffen“, sagte er – zugleich sei bereits spürbar, dass sich hier etwas entwickle. Eine Erzieherin habe es treffend formuliert: „Endlich gibt es mal gelebte Inklusion!“

Geschichten, die das Haus mit Leben füllen

Wie eng sich Lebenswege in diesem Haus verbinden, zeigte auch eine Anekdote, die Einrichtungsleiter Nils Bayer humorvoll aufgriff: Vor Jahren habe eine Bewohnerin über ein anderes neues Wohnhaus von EVIM gesagt: „Da wohnen jetzt die Reichen.“ Heute habe sich dieses Gefühl erfüllt – sie lebt nun selbst in einem neuen Apartment. Ein Satz, der für Schmunzeln sorgte und zugleich verdeutlichte, wie viel sich verändert hat.

Auch die Perspektive der Familien kam zur Sprache. Die Vertreterin des Elternbeirats hob die neuen Möglichkeiten für die Kinder hervor und betonte: „Kinder sind das Herzstück unserer Gemeinschaft.“ Das Haus sei mehr als ein Neubau – es sei ein Ort, an dem Kinder in einer Atmosphäre christlicher Nächstenliebe und Geborgenheit aufwachsen können.

Beim Rundgang durch die Räume wurde schließlich greifbar, wie sich die Idee dieses Hauses entfaltet: in den Wohnbereichen, in der Kita, auf den Fluren. Überall Gespräche, neugierige Blicke und erste Begegnungen – verbunden mit dem Staunen über die vielfältigen Möglichkeiten dieses besonderen Gebäudes. Am Ende blieb ein Eindruck, den viele Gäste teilten. Einer brachte es auf den Punkt: Dieses Haus sei „ein echtes Juwel“.

Vielleicht, weil es mehr ist als ein Gebäude: ein Ort, an dem Alltag geteilt wird und Unterschiedlichkeit selbstverständlich ist. Und an dem sich zeigt, wie Inklusion gelingen kann – Schritt für Schritt im Miteinander. (Text:hk, Fotos evim/v.watschounek)