Ein sicheres Nest für die Allerjüngsten
In einem Nest sind kleine Lebewesen sicher. Ein sehr passender Name deswegen für ein EVIM-Projekt, das jetzt seinen zehnten Geburtstag feiern konnte: NeSt bedeutet „Neuer Start“. In einem Haus der EVIM-Jugendhilfe direkt am Biebricher Schlosspark, gibt es fünf Plätze für Säuglinge und Kleinstkinder, deren Eltern nach der Geburt deutlich mehr Unterstützung brauchen, um sich adäquat um ihr Kind zu kümmern.
Hier tritt die offiziell „vollstationäre Clearingeinrichtung“ genannte Institution in Aktion. Der entsprechende Hinweis kommt von den Krankenhäusern, in denen die Mütter entbinden. Dort fällt auf, dass eine Kindeswohlgefährdung wahrscheinlich ist – durch Sucht – oder Gewaltproblematik, durch psychische Instabilität, Verwahrlosung, wirtschaftlich prekäre Verhältnisse. Dann erhält das Jugendamt Nachricht und kann sich an EVIM wenden.
Kompetente Betreuung
Es gibt aber auch Fälle, in denen das Kind später zu „NeSt“ kommt: Ein solches Beispiel war ein drei Monate alter Säugling, der geschüttelt wurde, was sehr gefährlich ist. Auch diese Familie wurde in Kontakt mit NeSt gebracht und hier kompetent betreut. Das Angebot ist eine Idee dieses Trägers und in Wiesbaden und Umgebung einzigartig. Hier wird das Kind zunächst einmal nicht von den Eltern getrennt. Es kommt in das Haus am Schlosspark, wo jeder Familie ein eigenes, schön ausgestattetes Zimmer zur Verfügung steht, und die Eltern können und sollen den Tag mit ihrem Kind verbringen. Nachts gehen sie nach Hause und das Kind schläft sicher in der betreuten Atmosphäre. Bis zu sechs Monate kann diese Zeit andauern. Währenddessen wird fachlich mit den Eltern gearbeitet, es finden viele Gespräche statt. Voraussetzung ist, sagt Regionalleiterin Natalie Bachmann, „Veränderungsbereitschaft im Hinblick auf Elternkompetenz und prekäre Lebenssituation“. Das bedeutet ein Mindestmaß an Einsicht und dass Mutter und Vater sich Mühe geben möchten, ein Familienleben aufzubauen.
Wie geht es weiter?
Sind die sechs Monate um, so NeSt-Teamleiterin Simone Passet, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie es mit der Familie weitergehen kann: „Ungefähr ein Viertel kann dann als Familie zusammenleben, erhält aber ambulante Betreuung. Ein weiteres Viertel lebt dann als Familie in einer stationären Eltern-Kind-Einrichtung. Etwa die Hälfte wird dann in einer temporären oder dauerhaften Pflegefamilie untergebracht.“ In den vergangenen zehn Jahren wurden rund 140 Familien auf diese Weise betreut. Es gibt also nicht immer den hundertprozentigen Erfolg, aber auf jeden Fall eine sehr empathische, fachkundige und zugewandte Hilfeleistung, bei der das Wohl des Kindes immer im Mittelpunkt steht. Es beginnt immer in einer Krisensituation. „Das Besondere ist: Es findet kein Bindungsabbruch statt. Wir beobachten, wie Eltern und Kinder zusammen agieren und achten auf die „Feinzeichen“ des Kindes“, sagt Natalie Bachmann. Im Tagesablauf bei „NeSt“ wird gemeinsam gegessen, es finden Ausflüge zum nahe gelegenen Spielplatz im Schlosspark statt und immer wieder Gespräche und Beratungen. Die jeweils fünf betreuten Familien haben untereinander Kontakt, können in einem großen Wohnzimmer und auf einer großen Terrasse miteinander spielen und sprechen. Die Mahlzeiten werden im großen Kreis gemeinsam eingenommen. In späteren Phasen ist es auch möglich, dass Eltern bei ihrem Kind übernachten. Vorhandene Ressourcen werden gestärkt, der Unterstützungsbedarf geklärt und die Kompetenzen gefördert.
Nachhaltiger Ansatz
„Frühe Hilfe ist ein nachhaltiger Ansatz: Sie schützt das Kind und gibt Eltern zugleich eine echte Chance, Verantwortung zu übernehmen und ihren Weg mit Unterstützung zu gehen,“ betont Natalie Bachmann. Das Wiesbadener Jugendamt ist sehr froh über diese Möglichkeit, die in Wiesbaden geschaffen wurde. Sie ist, so Amtsmitarbeiterin Kristina Thomas, fest in der Jugendhilfe der Landeshauptstadt verankert. „Wir haben da großes Glück.“ Im Laufe des Bestehens wurde der Personalschlüssel sogar aufgestockt. „Es ist eine große Chance, dass die Eltern hier jederzeit jemanden zur Seite haben, den sie fragen können“, meint Manuela Semmler, ebenfalls Mitarbeiterin des Jugendamts. Zurzeit arbeiten bei NeSt rund 18 Fachkräfte rund um die Uhr im Haus am Schlosspark, darunter auch Hauswirtschaftskräfte. Sogar die herausfordernde Coronazeit wurde gut bewältigt. Es sei keine einfache Aufgabe, meinen die Mitarbeiterinnen. „Man muss hier sehr viel geben.“ Aber es lohne sich, denn Kinder und Eltern erhalten hier echte Chancen auf ein Zusammenleben als Familie. (abp)