Vertrauen durch Begegnung und Bewegung – Eine Lehrstunde für Inklusion
Am Schlockerhof in Hattersheim arbeiten rund 500 Menschen mit Beeinträchtigung – in Werkstätten und auf Außenarbeitsplätzen. Einer von ihnen ist Till Alexander Hamster. Bekannt ist der 25-Jährige dort nicht nur für seine offene Art, sondern auch für seine Leidenschaft: Tanz. Als Breakdancer begeistert er regelmäßig sein Umfeld – und vor Kurzem auch Kinder der benachbarten EVIM-Kita am Schlockerhof.
Begegnung als Schlüssel zur Inklusion
Einmal pro Woche besucht Helen Schulschenk gemeinsam mit wechselnden Werkstattmitarbeitenden die Kita. Während ihres Praxissemesters brachte die 23-jährige Studentin der Sozialen Arbeit frischen Schwung in die musischen Angebote und gründete einen inklusiven Chor aus Kindern und Erwachsenen mit Beeinträchtigung. Die Projektidee stammt von Simon Giller, Pädagogischer Leiter am Schlockerhof – und traf sofort auf ihre Begeisterung. Musik ist ihre zweite große Leidenschaft: Als Sängerin tritt sie erfolgreich bei Events in der Region auf und veröffentlicht Songs auf Streaming-Plattformen.
Auch die Kita-Leitung unterstützte das Vorhaben von Beginn an und gewann Eltern wie Kinder dafür. Um das gegenseitige Kennenlernen zu vertiefen, entstanden ergänzend zu den Chorproben persönliche Besuchsstunden. Bei einem Termin im Februar brachte Till Klanghölzer und Rasseln mit – und vor allem seine Energie. „Ich tanze seit 16 Jahren“, erzählt er selbstbewusst. Seine „coolen Moves“ lassen Kinderaugen leuchten, besonders bei dem fünfjährigen Marlo, der ebenfalls vom Breakdance fasziniert ist.
Bewegung verbindet schneller als Worte
Sobald die ersten Stimmungslieder erklingen, gibt es kein Halten mehr. Angeleitet von Helen Schulschenk und Svenja Dirnberger, Erzieherin und stellvertretende Kita-Leitung, kommen die Teilnehmenden immer mehr ins Miteinander. Der Raum füllt sich mit Rhythmus, Gelächter und Bewegung. Ihre Erfahrung zeigt: „Kinder haben grundsätzlich keine Barrieren oder Vorurteile.“ Unterschiede entstünden eher durch den unterschiedlichen Umgang miteinander. Gerade deshalb seien die zusätzlichen Besuchstermine so wertvoll.
Die Resonanz bestätigt das Konzept. Weil immer mehr Kinder teilnehmen möchten, ist bereits eine zweite Gruppe geplant. Kooperationen zwischen Kita und Werkstatt gibt es zwar schon länger – etwa über die Bäckerei oder Gärtnerei sowie über eine Werkstattmitarbeiterin auf Außenarbeitsplatz im Kita-Alltag. Doch das Chorprojekt ist das bislang größte gemeinsame Vorhaben der beiden Einrichtungen.
Vertrauen wächst im gemeinsamen Erleben
Nach kurzer Zeit ist von anfänglicher Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Kinder und Erwachsene singen und tanzen gemeinsam. Als Till am Ende seine Breakdance-Künste zeigt, staunen alle – und probieren die Moves sofort selbst aus. Der berührendste Moment folgt ohne Musik: eine spontane Umarmung eines Kindes für den Tänzer. Was für eine schöne Anerkennung!
Dass die Gruppe nach dem offiziellen Abschluss einfach zusammensitzen und weiter lachen möchte, spricht für sich. Vertrauen entsteht hier nicht durch Worte, sondern durch gemeinsames Tun.
„Unser Ziel ist es, durch diese Begegnungen nachhaltig Vertrauen mit aufzubauen“, sagt Helen Schulschenk. Die Entwicklung innerhalb nur einer Stunde zeigt: Inklusion gelingt dort am besten, wo Menschen sich wirklich begegnen – mit Bewegung, Musik und Freude. (hk)