Mit allen Sinnen die Welt entdecken
Ein Kind im Krippenalter taucht seine Hände in Farbe, betrachtet sie einen Moment lang und drückt sie dann vorsichtig auf das Papier. Es spürt die kühle Konsistenz, beobachtet die Spur, die entsteht, und berührt sie erneut. Worte braucht es dafür nicht – Neugier, Konzentration und Entdecken sprechen für sich. Hier beginnt Bildung in einem besonderen Praxisprojekt einer angehenden Erzieherin im EVIM Haus der Kinder Bleichstraße.
Solche spannenden Momente stehen im Mittelpunkt des Projekts „Unsere Welt mit allen Sinnen entdecken“, das Khadeeja Muhamud, eine angehende Erzieherin im Anerkennungsjahr im Krippenbereich der EVIM-Einrichtung umgesetzt hat.
Das Projekt greift zentrale Gedanken aus dem Bildungs- und Erziehungsplan auf. Darin wird beschrieben, dass Kinder ihre Umwelt von Beginn an über sinnliche Erfahrungen, Bewegung und aktives Erkunden erschließen. Wahrnehmung, Körpererfahrungen und gestalterisches Handeln bilden dabei wichtige Grundlagen für frühkindliche Bildungsprozesse. „Mich fasziniert, wie grundlegend und intensiv Lernen in diesem Alter geschieht. Entwicklung ist hier unmittelbar sichtbar – kleine Schritte bedeuten große Fortschritte“, beschreibt die 25-jährige Auszubildende zur Erzieherin an der Sophie-Scholl-Schule ihre Motivation für das Projekt.
Lernen über Beziehung und Wahrnehmung
Die Arbeit mit den Jüngsten entwickelte sich für sie im Verlauf ihrer Ausbildung. Während eines Praktikums im Krippenbereich erlebte sie, wie intensiv Kinder ihre Umwelt über Sinneswahrnehmungen und ihren Körper entdecken. „Mich hat besonders beeindruckt, wie viel Kinder schon ohne viele Worte ausdrücken und lernen können“, erklärt Khadeeja Muhamud. Interessen und Bedürfnisse zeigen sich in diesem Alter häufig nonverbal – über Blickkontakte, Gesten, Bewegungen oder wiederholtes Ausprobieren.
Gerade deshalb kommt es auf ein feinfühliges Beobachten an. Pädagogische Fachkräfte nehmen Signale wahr, deuten sie und begleiten die Kinder in ihren Entdeckungsprozessen. Im Krippenalter werden grundlegende Erfahrungen gesammelt, die für weitere Bildungsprozesse bedeutsam sind.
Ein Atelier für kleine Sinnesforscherinnen und Sinnesforscher
Aus intensiven Alltagsbeobachtungen entstand schließlich die Projektidee. Immer wieder zeigte sich, wie stark die Kinder über Fühlen, Matschen, Schütten, Farben und unterschiedliche Materialien lernen. „In diesem Alter ist Sinneswahrnehmung eine wichtige Grundlage für das Entdecken der Umwelt. Mir war wichtig, die Impulse der Kinder systematisch zu beobachten und ernst zu nehmen.“
Für das Projekt richtete sie ein kleines Atelier ein. Einmal pro Woche treffen sich die fünf teilnehmenden Kinder über einen Projektzeitraum von etwa zwei Monaten, um zu experimentieren, zu fühlen und mit unterschiedlichen Materialien zu gestalten.
Daher wird bewusst die Bezeichnung „Sinnesforscherinnen und Sinnesforscher“ gewählt. Im Mittelpunkt steht nicht das fertige Ergebnis. „Es geht nicht um ein schönes Produkt. Es geht um das Erleben, um Ausprobieren und um selbstständiges Entdecken. Ich bereite die Umgebung vor, ohne den Prozess vorzugeben“, erläutert sie. So erfahren die Kinder Selbstwirksamkeit: Sie handeln eigenständig, entdecken Zusammenhänge und erleben, dass ihr Tun Bedeutung hat.
Freiräume ermöglichen – Sicherheit geben
Die Umsetzung im Krippenbereich verlangt zugleich klare Strukturen. Kurze Sequenzen, individuelle Begleitung und verlässliche Abläufe sind entscheidend – eine Erfahrung, die sie im Projektverlauf immer wieder gemacht hat. „Nicht jedes Angebot ist für jedes Kind im gleichen Moment passend. Tagesform, Nähebedürfnis oder Müdigkeit beeinflussen die Teilnahme stark“, beobachtet Khadeeja Muhamud.
Eine zentrale Frage begleitete das gesamte Projekt: Wie können Freiräume für selbstständiges Entdecken geschaffen werden, ohne Kinder zu überfordern oder zu stark zu lenken?
Die Balance zwischen freiem Ausprobieren und Sicherheit erfordert stetige Reflexion – und macht die pädagogische Arbeit im Krippenbereich besonders anspruchsvoll.
Begegnung im Haus
Ein weiterer Bestandteil des Projekts ist die Öffnung innerhalb der Einrichtung. Vorschulkinder nehmen an einer Projekteinheit teil und begegnen den jüngeren Kindern.
„Die älteren Kinder zeigen großes Interesse an den Jüngeren. Für die Krippenkinder sind sie vertraute Gesichter. So erleben sie, dass ihre Entdeckungen wahrgenommen und wertgeschätzt werden.“ Diese gruppenübergreifende Begegnung stärkt das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Einrichtung und macht Bildungsprozesse sichtbar.
Frühkindliche Bildung sichtbar machen
Mit ihrem Projekt im Anerkennungsjahr möchte die angehende Erzieherin zeigen, wie bedeutend Bildung bereits in den ersten Lebensjahren ist. „Wenn Kinder ihre Welt mit allen Sinnen entdecken dürfen, entwickeln sie Neugier, Selbstvertrauen und Freude am Lernen. Genau hier beginnt Bildung“, ist Khadeeja Muhamud überzeugt.
Mit ihrem Projekt im Haus der Kinder der EVIM möchte sie deutlich machen: Frühkindliche Bildung ist ein bewusster, fachlich reflektierter Prozess – und beginnt dort, wo Kinder durch sinnliche Erfahrungen ihre Umwelt aktiv entdecken und gestalten.
"Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Engagement, Beobachtungsgabe und eine inklusive Haltung zusammenwirken können – und wie bedeutsam sinnliche Erfahrungen für die frühkindliche Entwicklung sind“ bestätigt auch Anja Pastaa, Einrichtungsleitung. (hk/kmu; Fotos: kmu)